Ghostmuay

22. November 2020

Pünktlich und passend zu Halloween bin ich gefragt worden wie ich zum IG-Nickname: @ghostmuay gekommen bin.

Ghostmauy // Ghost = engl. Geist/Gespenst, Muay = thai. Boxer/Kämpfer

„Very white skin. You look like a ghost!“
Keo, MuayThai Lehrer

„Du wirst noch kämpfen, wenn du alt bist. Wenn kein anderer mehr von uns kämpft. Du wirst noch kämpfen, wenn du schon tot bist. Du wirst noch als Geist im Ring stehen.“
Jay, Trainingspartner

Was ist ein Geist? Ein Gespenst? Ein Spuk? Glaube ich der kollektiven Erzählung der Popkultur, von The Sixth Sense über The Conjuring bis hin zu The Shining, dann sind Geister vor allem gruselig. Unheimliche Schatten und Echos von zumeist furchtbaren Personen. Ruhelose Geister akzeptieren nicht, dass es vorüber ist. Sie lassen nicht los, krallen sich an ihrem alten Leben fest und spuken herum – auch wenn es für sie längst an der Zeit ist, weiter zu ziehen.

Update September 2020

19. September 2020

2020 stirbt dieser Blog langsam. Er entschläft und folgt damit nicht nur der Vergänglichkeit alles Seienden – sondern vor allem dem Zeitgeist. Blogs sind als Medium mehr oder minder tot. Auch Blogsport ist (leider, leider!) nur noch ein Schatten seines einstigen Selbst. 2020 regieren Instagram und Facebook. Doch dazu später mehr.

Dieser Blog ist vor Jahren ohne Konzept entstanden. Erwachsen aus dem Bedürfnis andere an meinem Leben im Sport teilhaben zu lassen, wollte ich Erfahrungen teilen und dabei irgendwie Haltung zu zeigen. Das hat nie so richtig funktioniert. Herausgekommenen ist eine eigentümliche Mischung aus Kampfsport mit Politikeinspringseln.

Die Texte, die ich in den letzten 5 Jahren geschrieben habe, sind zumeist unter Pseudonymen in Zeitungen abgedruckt oder auf Online-Portalen veröffentlicht worden. Sie haben nichts mit Sport und meinem Leben als Kampfkünstler zu tun gehabt. Daher sind sie nie hier aufgetaucht.
Texte, Reportagen und Essays zu schreiben sind ein Ausdruck meines politischen Aktivismus. Kampfsport hingegen ist kein Ausdruck davon und war es nie. Trotzdem, Sport ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Zugleich auch ein Bereich der Gesellschaft und daher natürlich KEIN „politikfreier“-Raum. Die schlechten Verhältnisse werden auch Kampfsport reproduziert. Mehr noch: Insbesondere Vollkontakt-Kampfsport ist ein Bereich mit einer enorm hohen „Trotteldichte“. Wer sich als politisch denkender Menschen in diesem Feld bewegt, muss sich entweder selbst verleugnen und dabei erstaunliche Verdrängungsleistungen vollbringen – oder sich eben klar positionieren.

Ich habe in den letzten Jahren an einigen Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen zum Thema Kampfsport teilgenommen. Mehr und mehr, denke ich, dass eine kritische Reflexion des Kampfsports nicht nur notwendig – sondern auch zeitgemäß ist. Insbesondere weil der Kampfsport ganz allgemein keine gesellschaftlich Randerscheinung mehr, sondern Mainstream ist. Selbst in radikal herrschaftskritischen/antiautoritären Spektren ist Kampfsport mittlerweile nicht mehr als „Mackerscheiz“ verpönt. Es gibt mittlerweile viele „selbst-organisierte“, explizit linke und queere Kampfsportgruppen.
Eine breite Diskussion um den Kampfsport an sich gibt es aber nicht.

Die antifaschistische Linke kümmert sich lediglich um neofaschistische Akteure im Kampfsportbereich ( runtervondermatte ). Was zwar eine bittere Notwendigkeit ist – aber leider auch irgendwie langweilig.
Interessanter finde ich die Versuche aus der queer/feministischen Linken, aber auch aus der antirassistischen Bewegung, den Sport als Teil einer Empowerment-Strategie zu denken.
Mir geht es auch um das Auf- und Nachsprühren von versteckten, emanzipativen Potenzialen – und um das gleichzeitige Abstreifen und Zurückweisen des reaktionären Gerümpels. Denn auch wenn ich viele gute Aspekte des Kampfsports sehe und das Thema für mich sehr zentral ist, glaube ich, dass die wachsende Popularität und Akzeptenz (auch in der Linken) ein Ausdruck des gesellschaftlichen Rollbacks ist.
(Als Teaser verkünde ich an dieser Stelle: ) Vielleicht werde ich Ende des Jahre dazu einen längeren Analyse- und Reflexionstext schreiben.

Update: 1

Ich bin nicht mehr Coach bei „Kardia Muay Thai“ und habe das Team schon im Juni 2020 verlassen. Trotzdem bleibe ich „Kardia“ in lockerer Freundschaft verbunden.

„Our coach and mate Jesse-Björn Buckler decided during the time of the break to take a step back from teaching at kardia for focusing on other projects and seeking new adventures! He will stay connected to us – but there won’t be morning classes with him anymore for now. Thanks for all the knowledge you shared and the time you spent with Kardia in the last 2 years! 🙏 May the Adventures come for you 👊“ “
via Instagram: @kardia.berlin

Update: 2

„Ein Fight der Superlativen erwartet uns!!! Extra aus Thailand eingeflogen kommt das junge Muay-Thai Talent „Man Chai“ und wird am 28.03.2020 bei uns in Idstein sein 301. Kampf gegen Jesse-Björn Buckler (aka. Jesse Kardia / Ghostmuay), einem echter Fight-Allrounder ,bestreiten.
Der Headcoach von Kardia-Muay Thai in Berlin bring einen Erfahrungsschatz aus fast 50 Vollkontaktkämpfen in Muay Thai, Mixed Martial Arts, K1-Kickboxen, Sanda und Boxen. Er vertraut im Cage auf sein breites Technik-Repertoire, seinem hohen Fight-IQ und seiner Kreativität.“

…so war es geplant! Dann kam Corona und der Lockdown…also Pustekuchen.

Trotzdem bin ich, nach langer Zeit, endlich wieder „in Form“. Ich suche wieder die Herausforderung und möchte zurück in den Ring/Cage.

Macht sich wieder mal keine Freunde!

23. Oktober 2019

Am 30.9.2019 hat die Taz Nord ein Interview mit mir veröffentlicht. Seit dem bekomme ich wieder mal Beleidigungen, Bedrohungen und Beschimpfungen per Mail und Facebook zugeschickt. Der Spam nervt, verdient aber keine Aufmerksamkeit. Ich bin kein Winston Churchill-Fan, aber der hat einmal etwas sehr richtiges gesagt: „You have enemies? Good. That means you’ve stood up for something, sometime in your life.

Kampfsportler über Politik und MMA:
„Spiel um körperliche Dominanz“

„Mixed Martial Arts“ (MMA) sei nicht brutaler als Boxen, sagt Kampfsportler Jesse-Björn Buckler. Neonazis in der Szene will er nicht hinnehmen.

Jesse-Björn Buckler, 43, ist MMA- und Muay Thai-Kämpfer und Trainer in Berlin. Er gehört zu den Pionieren der Mixed Martial Arts (MMA) in Deutschland und ist einer der ältesten aktiven Wettkämpfer.

taz: Herr Buckler, ist Mixed Martial Arts (MMA) noch ein Nischensport?

Jesse-Björn Buckler: Abgesehen vom Boxen führt jeder Vollkontakt-Kampsport in Deutschland ein Nischendasein. Fast jeder kennt den Boxer Henry Maske, kaum einer könnte einen MMA-Kämpfer nennen.

MMA war lange als regellose Schlägerei im Käfig oder als „Blut-Boxen“ verrufen. Mittlerweile darf der Sport im Fernsehen laufen. Warum begeistern sich mehr Leute dafür?

Ich denke, unsere Gesellschaft ist heimlich ins Kämpfen verliebt. Wir finden es einfach spannend, wenn Menschen gegeneinander kämpfen. Und in den letzten Jahren ist Kampfsport allgemein populärer geworden, weil der Sport weit genug raus aus der „Brutalo-Ecke“ ist. Der Profi-Kampfsport, egal ob Boxen, Kickboxen oder MMA, bedient diese Verliebtheit und macht daraus ein Geschäft.

Aber MMA ist mehr als eine professionalisierte Schlägerei?

Ja. Ein Problem ist, dass MMA mit dem harten Image spielt. MMA behauptet, besonders nah an echten Kämpfen zu sein. Die Ultimate Fighting Championship (UFC), die bedeutendste MMA-Organisation, hat sogar zeitweise mit dem Slogan „As Real As It Gets“ geworben und ganz bewusst mit der Nähe zur echten Gewalt kokettiert.

Wie sehen Sie das?

Ich bestehe auf dem Unterschied zwischen Sport und Gewalt. Gewalt ist etwas, was mir aufgezwungen wird, dem ich mich nicht entziehen kann, das mich verletzt und entwürdigt. Kampfsport hat zweifellos gewalttätige Komponenten, aber selbst ein verbissener Kampf im Ring oder Cage ist etwas anderes als eine Schlägerei auf der Straße. Im Kampfsport treffen sich zwei Freiwillige nach monatelanger körperlicher und mentaler Vorbereitung zum zuweilen annehmbar bezahlten Wettkampf.

Gleichzeitig geht es oft brutaler zu als beim Boxen.

Ja, manchmal geht es recht ruppig zu. MMA ist ein Vollkontakt-Kampfsport. Kämpfe enden wie im Boxen oft mit einem K.o., und hin und wieder fließt Blut – wie beim Boxen auch. Ich habe geboxt, MMA-, K1-Kickboxen und im Muay Thai-gekämpft. Tut alles weh, aber ich habe dabei meine MMA-Kämpfe nicht als brutaler oder härter erlebt. Übrigens ist das moderne MMA detaillierter reglementiert als das Thaiboxen oder Boxen.

MMA ist in Deutschland auch wegen der Teilnahme von Neonazis in Verruf gekommen. Mittlerweile organisieren Neonazis sogar eigene Kampfsport-Turniere.

Dass sich Nazis für Kampfsport begeistern, ist keine neue Entwicklung. Das primäre Problem ist nicht, das sich Neonazis durch Kampfsport zu effektiven Schlägern entwickeln, sondern dass sie eigene Erlebnisräume schaffen. Kampfsport wird zum Teil einer rechten Alltagskultur. Dass Nazis jetzt verstärkt eigene Kampfsportveranstaltungen organisieren, ist eine Reaktion darauf, dass es für bekannte Nazis in den vergangenen Jahren schwieriger geworden ist, bei professionellen Veranstaltungen anzutreten. Es ist ein Zurückweichen in die eigene Nische, weil sie Gegenwind bekommen haben.

Ist der Sport ein Ort der politischen Auseinandersetzung?

Ich mag es nicht, wenn der Sport politisch instrumentalisiert wird. Ich beharre aber auf ein paar Selbstverständlichkeiten. Dazu gehört das entschiedene Zurückweisen von rassistischem, sexistischem, heterosexistischem und anderem Gedankengut, das die fundamentale Gleichwertigkeit aller Menschen verneint.

Sie haben aus ihrer antifaschistischen Überzeugung nie ein Geheimnis gemacht. Ist Ihnen das beim MMA schon mal auf die Füße gefallen?

Freunde habe ich mir damit nicht gemacht. Und mittlerweile kämpfen wieder Leute mit tätowierten Rudolf-Heß-Zitaten auf den größten Galas. Den meisten Leuten ist das einfach egal. Nichts dazu zu sagen ist aber auch eine Positionierung. Also sag ich etwas.

Wie wird mit Kämpfern mit Neonazi-Tattoos umgegangen?

Sehr unterschiedlich. Bei vernünftigen Veranstaltern dürfen Nazis nicht antreten. Andere wollen, dass sie verbotene Symbole nur abkleben.

Warum ziehen MMA-Veranstaltungen gerade im Osten ein so einschlägiges Publik an?

Grundsätzlich ist Kampfsport besonders attraktiv für Menschen, in deren Leben und Alltag körperliches Durchsetzungsvermögen eine wichtige Rolle spielt. Also beispielsweise Polizeibeamte, Türsteher und Personenschützer. Das gilt aber auch für Menschen in kriminellen Milieus. Rotlicht-Rocker, Hooligans oder Nazischläger müssen sich körperlich durchsetzen können – oder zumindest so wirken. Sonst funktioniert das ja alles nicht. Die Fähigkeit zur direkten Gewaltausübung ist daher auch ein essenzieller Bestandteil der Identität dieser Leute. Ein gemeinsames Merkmal der aufgezählten Gruppen ist die Männerbündigkeit.

Ist Kampfsport also eine „Macker-Sache“?

Kampfsport an sich nicht. Das Problem ist die Selbstinszenierung, die es zur „Macker-Sache“ macht und Anknüpfungspunkte für reaktionäre Weltbilder schafft. Kampfsport ist ein Spiel um körperliche Dominanz. Die Zurschaustellung dieser Fähigkeit ist gesellschaftlich stark männlich konnotiert.

Wie lässt sich das ändern?

Ich hoffe durch Perspektivwechsel. Zum Kampfsport gehört für mich die Erkenntnis, dass Kämpfe auf verschiedenen Ebenen stattfinden. Sich im Ring beim Thaiboxen oder im Cage beim MMA auszutesten, ist nur eine davon. Kampfsport heißt für mich, über den eigenen Schatten zu springen, sich neuen Herausforderungen zu stellen und einen anderen Zugang zum Kämpfen zu finden. Also die Frage zu diskutieren, ob Vollkontaktsport in einem grundsätzlichen Widerspruch zu einer emanzipatorischen Praxis steht – oder sogar Teil einer persönlichen und kollektiven Empowerment-Strategie sein kann.

Haltung zeigen!

19. August 2019

Dem neuen Minimalismus meines Kampfsport-Blogs folgend, mache ich heute nur etwas Werbung:
Ich empfehle die Lektüre der Ausgabe #178 vom antifaschistischen Magazin „der rechte rand“ zum Thema Kampfsport. Unter der Überschrift „Haltung zeigen!“ findet sich auch ein Statement von mir.

…things I (still) do (and love!)

12. August 2019

„Jesse-Björn Buckler – Muay Thai & MMA Coach bei Kardia Berlin bei einem Muay Thai Kampf in Hamburg“ Juni 2019.
Fotos von Mark Mühlhaus von „Attenzione Photographers“, Hamburg Juni 2019.

Restart! Kardia!

9. November 2018

…mich gibt es noch! Als öffentlichen Selbstversprechen prophezeie ich: Der Blog wird in den nächsten Wochen reanimiert.
Als Vorabinformation möchte ich hier für mein neues Kampfsport-Zuhause werben.


KARDIA MUAY THAI BERLIN!

„Kardia bezeichnet in der Anatomie das Herz. Als Metapher steht das Herz für das pulsierende Leben. Für Empathie, Liebe und Leidenschaft. In den besten Muay Thai Kämpfer*innen schlägt ein Jai Suu, ein großes Kämpferherz.

Wir trainieren Muay Thai (Thaiboxen) und Athletik/Functional Training im Herzen Berlins.

Unser Trainingsangebot richtet sich sowohl an komplette Anfänger*innen, als auch an Fortgeschrittene. Ambitionierten Sportler*innen können wir zudem die Möglichkeit einer kompletten, professionellen Wettkampfvorbereitung und Kampfbetreuung anbieten.

Wir legen viel Wert auf ein hochwertiges Training und einen respektvollen Umgang. Wir wollen dazu anregen, miteinander zu lernen, jeweils eigene Wege zu finden, sich im Training zu entwickeln und im Kampf zu testen. Vor allem wollen wir den Spaß am Sport teilen.“

Kämpfen macht mir Spaß! Immer noch!

5. Februar 2017

Sebastian Bähr in der Tageszeitung „Neues Deutschland“ über die Entwicklung des MMA-Sports geschreiben.

Ich komme darin auch ein paar mal zu Wort und beende nebenbei öffentlich meine Sportabstinenz.

„Nach einigen Jahren Pause arbeitet Jesse-Björn Buckler nun daran, wieder ein neues Team aufzustellen. Er hängt an dem Sport, auch wenn viele seiner potenziellen Gegner mittlerweile 20 Jahre jünger sind als er. »Kämpfen macht mir Spaß«, erklärt er…“

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Weniger Blut, mehr Geld
Der härteste Kampfsport der Welt: Mixed Martial Arts bewegt sich zwischen Neonaziszene und großem Geschäft.

Text: Von Sebastian Bähr, erschienen in der Tageszeitung „Neues Deutschland“ am 03.02.2017.

Ein achteckiger Drahtkäfig, darin zwei Männer: Der eine tanzt leichtfüßig umher, der andere kickt fortwährend mit seinen Füßen, doch die Tritte gehen ins Leere. Der Platz im sogenannten Oktagon ist grell ausgeleuchtet, als sich die Kontrahenten an diesem Dezemberabend in der Berliner Arena am Ostbahnhof gegenüberstehen. Rund 4000 Zuschauer warten gespannt auf eine Eskalation, die Veranstaltungsreihe »We Love MMA« bietet in den nächsten Stunden gleich zwölf Kämpfe an. Der Ringrichter hält sich dezent zurück. Als der Tscheche Jirka Nemecek gegen den Draht gedrängt wird und für einen kurzen Augenblick nicht aufpasst, nutzt Kevin Hangs seine Chance: Er wirft seinen Gegner hart zu Boden und schlägt mit der gepolsterten Faust mehrmals auf dessen Kopf ein. Am Boden ringen dann beide, doch Hangs gelingt es bereits nach wenigen Sekunden, das Bein seines Widersachers in einen Klammergriff zu zwingen. Der Unterlegene verzieht schmerzvoll sein Gesicht und muss nach knapp einer Minute Kampfzeit abklopfen. Der Sieger springt an das Gitter und klopft sich stolz auf die Brust.

Mixed Martial Arts (MMA – Gemischte Kampfkünste) kann für neue Zuschauer recht brutal wirken. Nicht ohne Grund gelten die Auseinandersetzungen als die härtesten in der Kampfsportszene. Es wird geschlagen und getreten, auch Bodenkämpfe sind erlaubt. Die Ursprünge lassen sich zu den sogenannten Vale-Tudo-Wettkämpfen in Brasilien zurückverfolgen. Kampfsportler aus verschiedenen Stilen traten hier seit den 1920er Jahren ohne Schutzausrüstung gegeneinander an, um den Besten unter sich zu bestimmen. 1993 fand in den USA die erste Vale-Tudo-Kampfveranstaltung statt. Wenig später erreichte der damals noch weitgehend unregulierte Vollkontaktsport unter der Bezeichnung »Free Fight« Europa. Einige der professionellen Sportler setzten sich für Faustschützer und das Verbot von bestimmten Angriffen ein. »MMA« war geboren.

Heute wird drei Runden für jeweils fünf Minuten um Punkte, bis zum Knockout oder bis zum Abklopfen gekämpft. Verboten sind Angriffe auf Augen, Kehlkopf, Genitalien und Hinterkopf. Die Kontrahenten können im Käfig auf ein breites Spektrum an Techniken zurückgreifen. Kickboxen, Judo, Muay Thai, Jiu-Jitsu und Ringen gehören zum Fundus der Kämpfer. Ernsthafte Verletzungen erleiden diese dabei regelmäßig, auch wenn das Risiko laut einer Studie der US-amerikanischen Glen Sather Sports Medicine Clinic von 2015 geringer ist als beim Boxen. Zerschundene Körperteile sind auch für den MMA-Kämpfer Jesse-Björn Buckler nichts Ungewöhnliches. Der 40-Jährige gehört zu den Pionieren des Sports in Deutschland. Gebrochene Rippen, mehrfach gebrochene Hände sowie einen Bruch des Augenhöhlenbodens haben sich auch in seiner rund 30 Kämpfe umfassenden Karriere angesammelt. »Wenn Leute sich mit voller Kraft treten oder sich Ellbogen ins Gesicht schlagen, dann geht halt auch mal etwas kaputt«, sagt Buckler mit einem Schulterzucken.

Eine Verletzung führte innerhalb der Szene jedoch kürzlich wieder zu einem Skandal: Bei der Kampfreihe im Dezember in Berlin trat Mustafa Ahmadi an. Der vor anderthalb Jahren nach Deutschland geflüchtete Afghane kassierte im Bodenkampf einen nicht erlaubten Kniestoß an den Kopf und musste im Krankenhaus wegen eines doppelten Kieferbruchs operiert werden. Nach dem Kampf stellte sich heraus, dass Ahmadi auf dem Anmeldebogen sein Geburtsdatum gefälscht hatte und zum Zeitpunkt des Kampfes erst 16 Jahre alt war. Auch wenn er aufgrund der Disqualifikation seines Gegners noch auf dem Weg zum Krankenhaus zum Sieger erklärt wurde, hätte er nicht antreten dürfen, da er noch nicht volljährig war. Der Veranstalter erklärte später, Ahmadi von weiteren Events auszuschließen und zusätzliche Ausweiskontrollen einzuführen.

Nicht nur wegen solcher Vorfälle haftet MMA ein schmuddeliges Image an. Übertriebene Gewalt, eine reaktionäre Inszenierung von Männlichkeit sowie Verbindungen in Neonazikreise sind wiederkehrende Bestandteile der Kritik. Die Bayerische Landeszentrale für neue Medien hielt MMA gar für so unangemessen, dass sie 2010 eine Übertragung von Profiwettkämpfen im deutschen Fernsehen verbot. »Die ersten Veranstaltungen in Berlin waren tatsächlich eher eine unangenehme Mischung«, erinnert sich Jesse-Björn Buckler. »Auch damals gab es schon Fans aus der eher traditionellen Kampfkunstszene – es kamen aber auch Leute aus gewaltaffinen Milieus, also Türsteher, Hooligans, Rotlichtszene und Rocker.« Für Buckler ist das keine wirkliche Überraschung: »Der Kampfsport zieht Leute an, die in ihrem Leben mit körperlicher Gewalt konfrontiert sind.«

Seit den Anfangstagen des Sports hat sich jedoch viel getan. Veranstaltungsreihen wie das bundesweit rotierende »We Love MMA« erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Die Fachkundigen werden mehr, die Blutdürstigen weniger. »Die Gewaltfans und Schläger sind alle noch da, aber das Publikum ist größer geworden«, sagt Buckler. »Die gehen jetzt in der Menge der Sportfans einfach unter.« Besonders die USA spielten für den Normalisierungsprozess eine wichtige Rolle. Ende 2000 übernahm der dortige Marktführer Ultimate Fighting Championship (UFC) ein umfassendes Regelwerk, das sich heute in großen Teilen der Szene durchgesetzt hat und alle paar Jahre aktualisiert wird. In Deutschland wird die Einhaltung vieler Kämpfe durch die Grappling and Mixed Martial Arts Association e.V. (GAMMA) überwacht. Die veränderte Wahrnehmung des Sports hängt für Buckler auch mit der stärkeren Reglementierung und der gewachsenen Bedeutung des Punktesystems zusammen: »Früher hatte man sich manchmal erst vor dem Turnier über die Regeln geeinigt«, erklärt er. »Mittlerweile bauen die Leute ihre Kämpfe aber viel taktischer auf.« 2014 konnte der amerikanische Marktführer dann auch das deutsche Fernsehübertragungsverbot kippen. Für die Verbände war dies ein wichtiges Anliegen, denn längst war aus MMA ein großes Geschäft geworden: Vergangenes Jahr verkaufte die UFC-Muttergesellschaft Zuffa die Mehrheit ihrer Anteile für vier Milliarden Dollar.

Die deutsche Szene liegt in der Bedeutung im Vergleich immer noch weit zurück, doch auch hier gibt es mittlerweile rund 200 bis 300 aktive Kämpfer. Ein gemeinsamer Dachverband fehlt aber noch. Dies führt zu verschiedenen Problemen: So würden einheitliche Regularien und Lizenzen den Weg in den Mainstream weiter vereinfachen. Andererseits wäre dann auch ein kollektives Vorgehen gegen im Sport aktive Neonazis möglich. Momentan ist dies vor allem von der Einstellung der Veranstalter und Vereine abhängig. Für manche wie Peter Angerer, ein Urgestein der deutschen Kampfsportszene, ist Sport einfach Sport. Mit seinem Shidokan-Verband vertrat er in einer Erklärung 2014 die Position: »Leute, die für Toleranz, Gleichheit, Freiheit und viele weitere schöne Begriffe einstehen, gestehen diese Rechte anderen nicht zu«. Damit forderte er letztlich eine Toleranz für Neonazis, solange diese sich nur sportlich betätigen. So ließ er auch umstrittene Klubs bei sich kämpfen.

»We Love MMA« gilt dagegen als authentisch in dem Bemühen, rechtsradikale Umtriebe nicht nur aus Marketingzwecken, sondern aus Prinzip zu unterbinden. Die Berliner Veranstaltungsreihe »Sprawl and Brawl« rief wiederum im April 2016 Proteste hervor. Die Kritik richtete sich damals gegen den »Athletik Klub Ultra« (AKU) aus Neumünster, der mit mehreren Kämpfern für die Veranstaltung angemeldet war. Auch wenn die vorgesehen Sportler offenbar keinen rechtsradikalen Hintergrund hatten, so galt doch der Betreiber und Vorsitzende des AKU, Tim Bartling, als ehemaliger führender Kopf der Schleswig-Holsteiner Neonaziszene. Laut antifaschistischen Gruppen sollen in seinem Verein auch weiterhin Rechtsradikale geduldet werden. Der Veranstalter lenkte letztlich ein und strich die Kämpfer aus dem Programm. »Sportveranstalter sind zuerst Geschäftsleute«, sagt Jesse-Björn Buckler. »Entsprechend haben die meisten kein Interesse daran, bekannte Neonazis zu buchen und damit schlechte Presse zu riskieren.«

In Leipzig waren es jedoch im August des vergangenen Jahres die Veranstalter der »Imperium Fighting Championship« selbst, die in der Kritik standen. Nach Informationen der Kampagne »Rechte Netzwerke zerschlagen!« handelte es sich bei dem Trainer des gastgebenden »Imperium Fight Teams« um Benjamin Brinsa. Dieser sei ein bekanntes Mitglied der rechtsradikalen Fanszene des 1. FC Lokomotive Leipzig und ein ehemaliges Führungsmitglied der mittlerweile aufgelösten Hooligangruppe »Scenario Lok«, hieß es. Eine Demonstration mit 1000 Teilnehmern protestierte am Austragungsort im linksalternativen Stadtteil Connewitz, mehrere Sponsoren der Veranstaltung konnten vergrault werden. Brinsa galt früher als großes MMA-Talent und schaffte es sogar, bei dem US-Marktführer UFC unter Vertrag zu kommen. Nachdem die amerikanische Organisation 2013 aber auf dessen politische Aktivitäten hingewiesen wurde, war die Karriere schnell wieder vorbei. »Ein deutscher Neonazi in der UFC wäre eine Katastrophe für den Sport gewesen und hätte ein klares Signal in die Naziszene gesendet«, sagt Buckler. Der Berliner MMA-Kämpfer hatte selbst immer wieder rechte Tendenzen in der Kampfsportszene kritisiert.

Nachdem es für Neonazis schwieriger geworden ist, bei professionellen Kampfveranstaltungen öffentlich aufzutreten, setzen sie mittlerweile verstärkt auf szeneinterne Turniere. Das inzwischen verbotene »Spreelichter«-Netzwerk aus Brandenburg organisierte beispielsweise mehrere »Kampfsportturniere des Nationalen Widerstands«. Auch die Vereinigung »Hammerskins« veranstaltete unter dem Namen »Kampf der Nibelungen« seit 2014 an verschiedenen Orten in Deutschland MMA-Turniere. 2016 fand der letzte Wettkampf vermutlich in Dortmund statt, einschlägige rechtsradikale Modemarken traten als Sponsoren auf. In sozialen Netzwerken wird auch für dieses Jahr ein Turnier angekündigt. Die Wettkämpfe werden normalerweise konspirativ geplant und erreichen somit auch kaum jemanden außerhalb der Nazinetzwerke.

Ein Grund, warum MMA bei Neonazis auf Interesse stößt, ist dabei nicht nur sein harter Ruf, sondern vor allem eine Interpretation des Sports, die die Stärke und Selbstoptimierung der meist männlichen Kämpfenden in den Fokus rückt. Die »Imperium Fighting Championship« in Leipzig warb beispielsweise mit martialischen Postern, die vier muskulöse Männer in römischer Gladiatorenbekleidung zeigten. Während die trainierten Kerle dann in Shorts später aufeinander einschlagen, zeigen leicht bekleidete Frauen, ähnlich wie beim Boxen, zwischen den Kämpfen die Nummer der jeweiligen Runde an. »Das ist eine Inszenierung von Körperkapital, männliches, repräsentiert durch Dominanz und weibliches, repräsentiert durch Schönheit«, kritisiert Buckler. Für ihn sei das »zutiefst sexistisch«. Doch auch mit im Blick auf die Geschlechterbilder wird der Sport langsam erwachsen. So findet bei »We Love MMA« regelmäßig auch ein Kampf zwischen Frauen statt. Noch gibt es in Deutschland nur wenige Kämpferinnen, doch Sportlerinnen wie die 29-jährige Daniela Kortmann machen Hoffnung. 2014 gewann sie in Las Vegas die MMA-Amateur-Weltmeisterschaft, im Profibereich holte sie im vergangenen Herbst ihren zweiten Sieg.

Nach einigen Jahren Pause arbeitet Jesse-Björn Buckler nun daran, wieder ein neues Team aufzustellen. Er hängt an dem Sport, auch wenn viele seiner potenziellen Gegner mittlerweile 20 Jahre jünger sind als er. »Kämpfen macht mir Spaß«, erklärt er, doch vermutlich ist es mehr als das. Er denkt kurz nach und sinniert: »Im Kampfsport triffst du auf zwei Arten von Menschen. Die einen haben Spaß daran, andere zu dominieren. Die anderen wollen verhindern, dass jemand sie fremdbestimmen kann.«

Tageszeitung „Neues Deutschland“, 03.02.2017

About Fighting

25. November 2014

aboutfighting
via: www.mmaquotes.blogspot.ca

Gewonnen.(Punkt)

30. Juni 2014

#welovemma

Gewonnen. Auch in zweiter Instanz ist mir der Sieg zugesprochen worden. In der vergangenen Woche haben drei weitere Punktrichter das Urteil anhand des Videomaterials überprüft und mich anschließend als Sieger bestätigt. Ich kann mich trotzdem nicht vorbehaltlos darüber freuen. Zu knapp war dieser Sieg.

Hier die (zu meiner Überraschung) kontrovers diskutierte dritte Runde des Kampfes:

Gewonnen(?)durch Punktrichterentscheidung

11. Juni 2014

„We love MMA 8″ – ist ausgekämpft und ich habe durch die Entscheidung der Punktrichter gewonnen. Trotzdem kann ich mich nicht wirklich über diesen Sieg freuen. Ich bin sehr unglücklich über den Kampfverlauf. Irgendwie habe ich nicht in mein Spiel gefunden und bin genau da gelandet wo ich nicht hinwollte – im Bodenkampf und ans Ende der Kampfzeit.

Weil MMA Kämpfer oft sehr schwer zu Punkten sind, sind Punktrichterentscheidung entsprechend oft umstritten. So ist es auch in diesem Fall. Das Team von meinem Gegner Tobias Thiago Huber hat eine Beschwerde gegen das Urteil eingelegt. In einem Revisionsverfahren, wird das Ergebnis nun zeitnah, durch drei andere Punktrichter überprüft. Es bleibt also spannend!
Wie auch immer das Expertengremium den Kampf werten mag, Tobias Thiago Huber und ich haben uns einen guten, fairen und sehr ausgeglichen Kampf geliefert.

Ich möchte mich bei allen bedanken die mich in der Kampfvorbereitung oder am Kampftag selbst unterstützt haben. Danke an alle, die mit mir gerollt, gerungen und geboxt haben. Insbesondere bei Team „IMAG/Hilti BJJ“ und Coach Frank Burczynski, bei Eike vom Muay Thai-Team „Altes Waschhaus“, bei Jens Puzicha vom „Fenriz Traningszentrum“ – und bei Hedwig vom „Team RZB“! Bei „vehement-mma.com“ bedanke ich mich für die Ausstattung und bei We love MMA für die tolle Veranstaltung!

www.groundandpound.de/mma/mma-deutschland/news/we-love-mma-8-buckler-und-kruschinske-triumphieren

Next Fight

29. Mai 2014

Berlins kleine Kampfsportwelt kennt seit Monaten nur noch ein Thema: das Ultimate Fighting Championship (UFC) kommt in die Stadt! Doch im Schatten des Kampfsport-Megaevents in der O2-World liegt ein für mich viel wichtigeres Sportereignis. Am 7. Juni 2014, nur eine Woche nach der UFC, steigt der nächste Kampfabend von „We Love MMA“. Zum ersten Mal findet die Veranstaltung nicht in der Moabiter Universal Hall, sondern im größeren Tempodrom statt. Im Hauptkampf des Abends treffen der Brazillian JiuJitsu-Spezialist Tobias Thiago Huber und ich aufeinander. Wer dabei sein möchte kauft sich schnell ein Ticket via: We love MMA !
Und weil „an zwei Wochenenden (…) Berlin zur Hauptstadt der Mixed Martial Arts“ wird lohnt sich ein Blick in die TAZ.

Kein Bock!

17. Dezember 2013

Ich schreie (bzw. schreibe) mal wieder heraus, dass ich „Kein Bock auf Nazis“ habe. Dabei sehe ich zwar ziehmlich blass aus, glänzt aber neben den „Toten Hosen“ und schreibe jetzt in mein goldenes Notizbuch, dass man Respekt „VOR“ jemanden hat (oder eben nicht) – aber niemals „FÜR“.






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