Der seltsame Fall des Benjamin Buttons des MMA

2. Juli 2021

Im „Kampfblatt des Internationalen Rotzlöffeltums“, dem ZAP-Hardcore findet sich in Ausgabe 157, vom Sommer 2021 ein Interview mit mir.

Jesse-Björn Buckler – der Benjamin Buttoon des MMA

Interviews funktionieren leider meist nur über einen recht ausgetrampelten und öden Pfad,
eine wirkliche Reibung mit Themen ist oft nicht gewollt. Dies könnte hier anders sein, da Jesse
nicht nur Allgemeinplätze abruft und es sich und der Kampfsportwelt nicht leicht macht.

Stell Dich mal kurz vor.
Ich heiße Jesse-Björn Buckler, bin 44 Jahre alt und lebe in Berlin. Ich begeistere mich für Kampfsport und unterrichte Thaiboxen
und Mixed Martial Arts. Manchmal coache ich auch KämpferInnen oder kämpfe selbst. Mein Leben bewegt sich zumeist
irgendwo zwischen Kampfsport und politischem Aktivismus.

Wann hast Du zuletzt gekämpft?
2020 war wegen der Corona-Pandemie sehr kompliziert. Ich hatte drei Kämpfe angesetzt gehabt, die alle drei gecancelt worden sind.
Im Oktober hat sich dann doch kurzfristig die Chance ergeben, zu kämpfen. Ich habe einen „Cage Muay Thai Fight“ bestritten, also einen Thaiboxkampf mit diesen kleinen
4 Unzen MMA-Handschuhen und das in einem MMA-Käfig. Soweit ich weiß, war es der erste Kampf nach solchen Regeln in Berlin.
Ich hatte kaum Zeit zur Vorbereitung gehabt, nach Punkten verloren, aber trotzdem eine passable Performance liefern können.
Vor allem hatte ich wieder Spaß am Kämpfen gehabt.
Drei Tage später war ich wieder super motiviert im Gym und habe angefangen, an meinen Fehlern zu arbeiten. Ich wollte so
schnell wie möglich wieder in den Ring. Hatte auch schon eingutes Angebot … doch dann kam der nächste Corona-Lockdown.

Wie ist es als „Veteran“ weit jenseits der 40, noch im Ring zu stehen?
Ich merke mein Alter oft und ich merke es immer öfter. Dauernd werde ich darauf angesprochen. Letztlich hat mich jemand scherzhaft „den unmöglichen Buckler“,
den Benjamin Button der Kampfsportszene, genannt. Andere Leute würden alt, dick und langsam werden
– ich würde hingegen jünger, fitter und schneller werden. Das schmeichelt mir natürlich sehr! So etwas
höre ich gerne – aber ich merke ja selbst, dass ich das nicht mehr lange machen kann. Mittlerweile muss ich trainieren, um
überhaupt weiter trainieren zu können. Ich akzeptiere das, dass es so ist. Jeder Kampf kann jetzt mein letzter sein. Deswegen
genieße ich es auch so. Ich koste das jetzt voll aus, solange ich es noch kann!

Du giltst als ein Urgestein der Mixed Martial Arts in Deutschland.
Seit wann bist Du dabei?

Ich habe zum ersten Mal 2004 im MMA gekämpft. Manchmal werde ich zu den Mixed Martial Arts-Pionieren in Deutschland
gezählt. Das stimmt aber nicht so ganz. Es gab im Sport andere Wegbereiter. Aber tatsächlich war der Sport hier nahezu
unbekannt, als ich damit angefangen habe. Auch die Bezeichnung „Mixed Martial Arts“ war noch nicht etabliert. Es wurde
zumeist von „Free-Fight“, „Vale Tudo“, „No Holds Barred Fighting“ oder „Mix Fight“ gesprochen. Das war die Findungsphase
des Sports, in der viel drunter und drüber ging. Es gab kein vereinheitlichtes Regelwerk. Manchmal wurde sich erst direkt
vor dem Kampf über die Regeln geeinigt.
Ich merke, ich rutsche gerade in so einen komischen „Opa erzählt
von damals“-Modus …

Kein Problem, erzähl mal.
Es gibt diese Klischee-Bilder, aus den „Free-Fight“-Zeiten, die
leider erschreckend nah an der damaligen Wirklichkeit sind. Sie
waren nicht die Regel – aber eben auch keine Seltenheit. Es
gab diese Momente, in denen ich das Gefühl hatte, im falschen
Film zu sein. Also ob ich in irgendeine RTL2-Trash-TV-Produktion
geraten wäre. Da waren diese fies aussehenden, schlecht tätowierten, hundert Kilo-Pumper, die technikfrei in irgendeiner
Dorfdisco aufeinander eingedroschenen haben. Das alles vor einem Publikum, das vermutlich sonst den Samstagabend auf
einer Böhse Onkelz-Fan-Party verbracht hätte. Das war schon bizarr.

Höhepunkt der Absurdität war eine Show in einer ostdeutschen Kleinstadt. Da hatte der Veranstalter ein selbstgezimmertes,
ungepolstertes Holz-Oktagon als Kampffläche präsentiert. Der Typ wollte ernsthaft, dass während des Kampfes auf den Pfosten Campingfackeln brennen, während drinnen gekämpft wird.
Kurioserweise hatte er schlicht vergessen, eine Tür in den Käfig einbauen zu lassen. Die Kämpfer und der Ringrichter mussten also über den Zaun klettern. Der Referee erklärte vor den
Kampf feierlich: „Es ist verboten den Gegner zu töten!“ … in die Augen piksen, beißen, kratzen und aus dem Ring werfen war auch verboten.
Ansonsten war fast alles erlaubt. Also auch
Kopfstöße, alle Ellenbogenschläge oder gesprungene Stampftritte zum Kopf eines am Boden liegenden Gegners. Handschuhe
wären optional. So etwas gibt es heute nicht mehr. Zum Glück! Der Sport hat in den letzten Jahren eine ganz enorme
Entwicklung durchgemacht. Also den Schritt vom Spektakel zum Sport geschafft.

Wie erlebst Du das Publikum?
Ich muss gestehen, dass ich nur selten bei Events im Publikum bin. Entweder kämpfe ich selbst, oder betreue eine_n Kämpfer_
in. Bei Galas zugucken macht mir keinen Spaß. Das fühlt sich so an, als ob ich anderen beim Kuchenessen zugucken
muss, wenn ich selbst auf Diät bin. Also, wenn ich selbst kämpfe, interessiert mich das Publikum herzlich wenig. Ich nehme
es kaum wahr. Ich konzentriere mich auf mich und den Kampf. Die Welt schrumpft dann. Sie wird begrenzt durch die Ringseile
oder das Käfiggitter. Es gibt dann nur den Gegner und mich. Es macht daher auch keinen Unterschied, ob ich vor 70 Leuten bei
einer House-Gala in einem Gym oder bei einem großen Fightevent vor 7000 Menschen mit TV-Live-Übertragung kämpfe.
Aber ich ahne, dass Du etwas anderes wissen wolltest …

Die Frage nach dem Publikum sollte das Gespräch in eine andere Richtung führen. MMA ist in Deutschland schließlich nicht nur wegen der (vermeintlichen) Brutalität,
sondern wegen Neonazis im Publikum in die Kritik geraten. Du hast dich immer klar gegen die positioniert. Was macht ausgerechnet MMA so attraktiv für Neonazis?

Dass sich Nazis und andere Trottel für Kampfsport begeistern, ist keine überraschende oder neue Entwicklung.
Es gibt diese alte faschistische Macht- und Gewaltverliebtheit. Kampfsport, wie MMA, der als besonders hart und kompromisslos inszeniert
wird, bedient diese Verliebtheit. Wie so oft, bestimmt auch hier der Standpunkt die Perspektive. Es gibt eine faschistische Perspektive
und jemand mit einem entsprechenden Mindset interpretiert diesen Sport als eine Gegenthese zum liberalen, bürgerlichen
Softie-Humanismus. Es ist dann die Ästhetisierung und spektakuläre Inszenierung von körperlicher Dominanz.
Dominanz von einer Person über die andere. Faschisten lesen Kampfsport als Ort der ideologischen Wahrheit, an dem sich
der Gesunde und Starke nach dem Leistungsprinzip im direkten, unmittelbaren Konkurrenzkampf als überlegen beweisen
kann. Kampfsport ist, so wie er präsentiert wird, anschlussfähig
an sozialdarwinistische und autoritäre Weltbilder.

Ich denke, die unterschätzte Gefahr ist weniger die, dass sich irgendwelche Neonazis durch Kampfsport ihre Gewaltkompetenzen
ausbauen, sondern die, dass Kampfsport Teil eines rechten Kulturkampfes ist.

Aber ist es dann nicht ein unmöglicher Widerspruch, dass Menschen mit einem progressiven, linken Anspruch überhaupt Kampfsport betreiben?
Ich denke, dass es zwei Arten von Menschen gibt, die sich für Kampfsport begeistern. Die einen haben den autoritären
Wunsch, andere zu dominieren – und die anderen wollen nicht dominiert werden. Kampfsport ist Teil der Gesellschaft und natürlich
spiegeln sich hier auch gesellschaftliche Konflikte wieder. Es geht nicht darum, dass im Ring getreten und geschlagen
wird, sondern wie das von den Einzelnen individuell eingeordnet und reflektiert wird. Es ist möglich, dass Kampfsport als
Teil eines rechten Kulturkampfes reaktionäre Positionen stärkt. Anderseits ist es aber auch möglich, dass der Kampfsport ein
Teil eines persönlichen und kollektiven Empowerment-Prozesses
wird. Die Grundlage dazu ist die Bereitschaft und Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion.

Mittlerweile gibt es auch explizit linke Gyms und antirassistische Sportgruppen.
Ja, heute ist selbst im antiautoritären Spektrum der radikalen Linken Kampfsport sehr populär. Das war mal anders. Als ich mit dem Kämpfen angefangen habe, bin ich dort dafür hart
kritisiert worden. Kampfsport wäre „Mackerscheiß“ und Ausdruck der Leistungsgesellschaft. Das war zwar typisch bewegungslinks
undifferenziert überzogen, aber eben auch nicht völlig falsch. Da gab es eben dieses fast instinktive Unbehagen
und den Versuch, das einer Kritik zu unterziehen. Mich erschreckt, dass diese Kritik fast völlig verstummt ist. Die wachsende
Akzeptanz von Kampfsport ist eben auch ein Ausdruck des gesellschaftlichen Rollbacks.
Bitte versteh mich nicht falsch! Ich feiere jede neue, linke, antifaschistische,
queere Sportgruppe! Ich finde das wirklich toll und wichtig! Ich wünsche mir ja genau so etwas. Aber ich wünsche
mir von diesen Gruppen eine intensivere Reflexion.

Es gibt ja seit längerem auch diverse linke Modelabel ,
die auch linke T-Shirts mit Bezug zum Kampfsport produzieren.

Vorweg: Die Macher sind eigentlich politische Verbündete. Sie meinen es gut – machen aber dabei soviel falsch, dass ich mich
darüber ärgere. Die rühren manchmal Sport, Gewalt und Militanz wild durcheinander. Dieser Mischmasch schadet sowohl
dem Sport als auch der Politik.

Was unterscheidet Sport und Gewalt?
Kampfsport hat zweifellos gewalttätige Komponenten, spielt sogar mit der Nähe zur Gewalt. Durch diese Nachbarschaft ist
Kampfsport für gewaltaffine Personen auch so attraktiv. Insbesondere MMA-Shows nutzten diese Nähe, um ein Spektakel
zu kreieren. Je näher etwas an der echten Gewalt ist, desto gefährlicher, ernsthafter und bedeutender wird es gelesen. Gewalt
ist immer spektakulär. Und Spektakel verkaufen sich. Aber im Sport treffen sich eben zwei Freiwillige zum reglementierten
Wettstreit. Es gibt ein wichtiges, verbindendes Element zwischen den freiwilligen Kontrahenten, das oft mit Respekt und
sportlicher Fairness umschreiben wird.

Gewalt ist etwas anderes. Gewalt ist etwas, das jemanden aufgezwungen
wird, dem sich jemand nicht entziehen kann, das verletzt und entwürdigt. Gewalt ist eine Praxis der Macht. Im Kern
eine sehr unfaire Angelegenheit die andere zu Opfern macht.

Die bekanntesten der Labels machen T-Shirts und Aufkleber,
die oft für einem militanten Antifaschismus stehen.

Ich begreife Militanz als eine zweckgebundene politische Zwangsausübung. Militanz umfasst dabei mehr als direkte Gewalt.
Militanz ist ein breites Spektrum, das von symbolischen Aktionen des Verweigerns, des zivilen Ungehorsams über
Streiks und Sabotage bis hin zur militärischen Handlungen reicht. In Teilen der „handwerklichen“ Antifa wird Militanz oft
als eine Art politischer Rohrstock gedacht. Ich glaube nicht an die Wirksamkeit von schlagender Pädagogik. Niemand, auch
kein Nazi, wird durch Prügel klüger. Körperliche Gewalt als politische Militanz hat ihren Platz als notwendige und sogar präventive
Selbstverteidigung. Aber nicht als Lebensgefühl. Es ist falsch, damit zu kokettieren oder sich zu schmücken.

Die Krönung der Dämlichkeit sind dann T-Shirts mit der Aufschrift
„Nazis behindert boxen“ und ähnliches.

Völlig indiskutabel und provozierend dumm. Wer so etwas trägt, diskreditiert sich selbst. Bestrafungsphantasien, die darin
bestehen, andere in den Rollstuhl zu prügeln, haben mit emanzipativer Militanz nicht zu tun. Ich weigere mich, mich darüber
weiter aufzuregen oder auch ein Wort zu verlieren.
Zugegeben, mein Schmerzgrenze ist schon deutlich früher überschritten. An T-Shirts der linken Subkultur kann oft die
politische Bewusstlosigkeit und ihr sprachliches Unvermögen
abgelesen.
Ich bin da zugeben etwas kleinlich … aber was soll denn das beliebte „Fuck Nazis“, also „Nazis ficken“, auf T-Shirts
und Aufklebern? Diese sprachliche Verknüpfung von Sexualität und Gewalt ist doch widerwärtig. Ich meine, wenn die schon
auf Gewaltsprache setzen, dann wenigstens ohne Sex als Waffe im politischen Kampf zu implizieren. So etwas ärgert mich
echt. Anekdote am Rande: Im linken Punkrock-Club SO36 hat mal jemand „Fuck your Rape Culture!“ mit Edding ans Klo geschrieben.
Vielleicht war das als ein politischer Koan, eines dieser paradoxen Zen-Rätsel gemeint – oder einfach nur Ausdruck
davon, wie ungeschickt manche Linke mit Sprache umgehen.

Du machst kein Geheimnis aus deiner politischen Position.
Du bist Antifaschist und verordnest Dich selbst in der radikalen Linken.
Das geht nicht ohne Probleme?

Wer sich offen positioniert, macht sich angreifbar und unbeliebt. Entsprechend mögen mich halt viele Promoter, Kämpfer
und Manager nicht. So what? Ich bin in der bequemen Position, dass ich von niemanden abhängig bin. Ich kämpfe nicht darum,
von irgendeiner Kampfsportpromotion unter Vertrag genommen zu werden. Ehrlichkeit ist mir sehr wichtig – wenn mich
Sachen ernsthaft stören, dann verlange ich von mir selbst die Aufrichtigkeit und den Anstand, sie anzusprechen. Wenn mir
dadurch Nachteile entstehen, dann ist es eben so.

Aber, klar. Viele Freunde habe ich mir damit nicht gemacht, dafür aber einige Feinde. Ich bekomme seit Jahren sporadische
Beleidigungen, Bedrohungen und Beschimpfungen per Mail,
Instagram oder Facebook. Das stresst natürlich. Vor einiger Zeit hat mir mal jemand per Messenger gedroht, dass er meine
Freundin von einer Bande vergewaltigen lassen würde. Das Berliner LKA hat mich darüber informiert, dass mich irgendwelche
Nazis in irgendwelchen Feindeslisten führen. Erst vor ein paar Wochen hat mich eine Kampagnenseite aus dem Umfeld
der faschistischen „Identitären Bewegung“ als linksextremen Jungle World-Autor mit Terror-Kontakten zur kurdischen PKK
bezeichnet. Neben Neonazis werde ich von Anhängern des tschetschenischen Diktators Ramsan Kadyrow und türkischen Erdogan-Fans genervt.
Was soll ich dazu sagen? Wenn ich solche Leute zum Feind habe, dann habe ich vielleicht irgendetwas
richtig gemacht.

Text: ZAP Hardcore Magazin
Interview: Nympho
Fotos: Boris Niehaus

Ghostmuay

22. November 2020

Pünktlich und passend zu Halloween bin ich gefragt worden wie ich zum IG-Nickname: @ghostmuay gekommen bin.

Ghostmauy // Ghost = engl. Geist/Gespenst, Muay = thai. Boxer/Kämpfer

„Very white skin. You look like a ghost!“
Keo, MuayThai Lehrer

„Du wirst noch kämpfen, wenn du alt bist. Wenn kein anderer mehr von uns kämpft. Du wirst noch kämpfen, wenn du schon tot bist. Du wirst noch als Geist im Ring stehen.“
Jay, Trainingspartner

Was ist ein Geist? Ein Gespenst? Ein Spuk? Glaube ich der kollektiven Erzählung der Popkultur, von The Sixth Sense über The Conjuring bis hin zu The Shining, dann sind Geister vor allem gruselig. Unheimliche Schatten und Echos von zumeist furchtbaren Personen. Ruhelose Geister akzeptieren nicht, dass es vorüber ist. Sie lassen nicht los, krallen sich an ihrem alten Leben fest und spuken herum – auch wenn es für sie längst an der Zeit ist, weiter zu ziehen.

Update September 2020

19. September 2020

2020 stirbt dieser Blog langsam. Er entschläft und folgt damit nicht nur der Vergänglichkeit alles Seienden – sondern vor allem dem Zeitgeist. Blogs sind als Medium mehr oder minder tot. Auch Blogsport ist (leider, leider!) nur noch ein Schatten seines einstigen Selbst. 2020 regieren Instagram und Facebook. Doch dazu später mehr.

Dieser Blog ist vor Jahren ohne Konzept entstanden. Erwachsen aus dem Bedürfnis andere an meinem Leben im Sport teilhaben zu lassen, wollte ich Erfahrungen teilen und dabei irgendwie Haltung zu zeigen. Das hat nie so richtig funktioniert. Herausgekommenen ist eine eigentümliche Mischung aus Kampfsport mit Politikeinspringseln.

Die Texte, die ich in den letzten 5 Jahren geschrieben habe, sind zumeist unter Pseudonymen in Zeitungen abgedruckt oder auf Online-Portalen veröffentlicht worden. Sie haben nichts mit Sport und meinem Leben als Kampfkünstler zu tun gehabt. Daher sind sie nie hier aufgetaucht.
Texte, Reportagen und Essays zu schreiben sind ein Ausdruck meines politischen Aktivismus. Kampfsport hingegen ist kein Ausdruck davon und war es nie. Trotzdem, Sport ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Zugleich auch ein Bereich der Gesellschaft und daher natürlich KEIN „politikfreier“-Raum. Die schlechten Verhältnisse werden auch Kampfsport reproduziert. Mehr noch: Insbesondere Vollkontakt-Kampfsport ist ein Bereich mit einer enorm hohen „Trotteldichte“. Wer sich als politisch denkender Menschen in diesem Feld bewegt, muss sich entweder selbst verleugnen und dabei erstaunliche Verdrängungsleistungen vollbringen – oder sich eben klar positionieren.

Ich habe in den letzten Jahren an einigen Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen zum Thema Kampfsport teilgenommen. Mehr und mehr, denke ich, dass eine kritische Reflexion des Kampfsports nicht nur notwendig – sondern auch zeitgemäß ist. Insbesondere weil der Kampfsport ganz allgemein keine gesellschaftlich Randerscheinung mehr, sondern Mainstream ist. Selbst in radikal herrschaftskritischen/antiautoritären Spektren ist Kampfsport mittlerweile nicht mehr als „Mackerscheiz“ verpönt. Es gibt mittlerweile viele „selbst-organisierte“, explizit linke und queere Kampfsportgruppen.
Eine breite Diskussion um den Kampfsport an sich gibt es aber nicht.

Die antifaschistische Linke kümmert sich lediglich um neofaschistische Akteure im Kampfsportbereich ( runtervondermatte ). Was zwar eine bittere Notwendigkeit ist – aber leider auch irgendwie langweilig.
Interessanter finde ich die Versuche aus der queer/feministischen Linken, aber auch aus der antirassistischen Bewegung, den Sport als Teil einer Empowerment-Strategie zu denken.
Mir geht es auch um das Auf- und Nachsprühren von versteckten, emanzipativen Potenzialen – und um das gleichzeitige Abstreifen und Zurückweisen des reaktionären Gerümpels. Denn auch wenn ich viele gute Aspekte des Kampfsports sehe und das Thema für mich sehr zentral ist, glaube ich, dass die wachsende Popularität und Akzeptenz (auch in der Linken) ein Ausdruck des gesellschaftlichen Rollbacks ist.
(Als Teaser verkünde ich an dieser Stelle: ) Vielleicht werde ich Ende des Jahre dazu einen längeren Analyse- und Reflexionstext schreiben.

Update: 1

Ich bin nicht mehr Coach bei „Kardia Muay Thai“ und habe das Team schon im Juni 2020 verlassen. Trotzdem bleibe ich „Kardia“ in lockerer Freundschaft verbunden.

„Our coach and mate Jesse-Björn Buckler decided during the time of the break to take a step back from teaching at kardia for focusing on other projects and seeking new adventures! He will stay connected to us – but there won’t be morning classes with him anymore for now. Thanks for all the knowledge you shared and the time you spent with Kardia in the last 2 years! 🙏 May the Adventures come for you 👊“ “
via Instagram: @kardia.berlin

Update: 2

„Ein Fight der Superlativen erwartet uns!!! Extra aus Thailand eingeflogen kommt das junge Muay-Thai Talent „Man Chai“ und wird am 28.03.2020 bei uns in Idstein sein 301. Kampf gegen Jesse-Björn Buckler (aka. Jesse Kardia / Ghostmuay), einem echter Fight-Allrounder ,bestreiten.
Der Headcoach von Kardia-Muay Thai in Berlin bring einen Erfahrungsschatz aus fast 50 Vollkontaktkämpfen in Muay Thai, Mixed Martial Arts, K1-Kickboxen, Sanda und Boxen. Er vertraut im Cage auf sein breites Technik-Repertoire, seinem hohen Fight-IQ und seiner Kreativität.“

…so war es geplant! Dann kam Corona und der Lockdown…also Pustekuchen.

Trotzdem bin ich, nach langer Zeit, endlich wieder „in Form“. Ich suche wieder die Herausforderung und möchte zurück in den Ring/Cage.

Macht sich wieder mal keine Freunde!

23. Oktober 2019

Am 30.9.2019 hat die Taz Nord ein Interview mit mir veröffentlicht. Seit dem bekomme ich wieder mal Beleidigungen, Bedrohungen und Beschimpfungen per Mail und Facebook zugeschickt. Der Spam nervt, verdient aber keine Aufmerksamkeit. Ich bin kein Winston Churchill-Fan, aber der hat einmal etwas sehr richtiges gesagt: „You have enemies? Good. That means you’ve stood up for something, sometime in your life.

Kampfsportler über Politik und MMA:
„Spiel um körperliche Dominanz“

„Mixed Martial Arts“ (MMA) sei nicht brutaler als Boxen, sagt Kampfsportler Jesse-Björn Buckler. Neonazis in der Szene will er nicht hinnehmen.

Jesse-Björn Buckler, 43, ist MMA- und Muay Thai-Kämpfer und Trainer in Berlin. Er gehört zu den Pionieren der Mixed Martial Arts (MMA) in Deutschland und ist einer der ältesten aktiven Wettkämpfer.

taz: Herr Buckler, ist Mixed Martial Arts (MMA) noch ein Nischensport?

Jesse-Björn Buckler: Abgesehen vom Boxen führt jeder Vollkontakt-Kampsport in Deutschland ein Nischendasein. Fast jeder kennt den Boxer Henry Maske, kaum einer könnte einen MMA-Kämpfer nennen.

MMA war lange als regellose Schlägerei im Käfig oder als „Blut-Boxen“ verrufen. Mittlerweile darf der Sport im Fernsehen laufen. Warum begeistern sich mehr Leute dafür?

Ich denke, unsere Gesellschaft ist heimlich ins Kämpfen verliebt. Wir finden es einfach spannend, wenn Menschen gegeneinander kämpfen. Und in den letzten Jahren ist Kampfsport allgemein populärer geworden, weil der Sport weit genug raus aus der „Brutalo-Ecke“ ist. Der Profi-Kampfsport, egal ob Boxen, Kickboxen oder MMA, bedient diese Verliebtheit und macht daraus ein Geschäft.

Aber MMA ist mehr als eine professionalisierte Schlägerei?

Ja. Ein Problem ist, dass MMA mit dem harten Image spielt. MMA behauptet, besonders nah an echten Kämpfen zu sein. Die Ultimate Fighting Championship (UFC), die bedeutendste MMA-Organisation, hat sogar zeitweise mit dem Slogan „As Real As It Gets“ geworben und ganz bewusst mit der Nähe zur echten Gewalt kokettiert.

Wie sehen Sie das?

Ich bestehe auf dem Unterschied zwischen Sport und Gewalt. Gewalt ist etwas, was mir aufgezwungen wird, dem ich mich nicht entziehen kann, das mich verletzt und entwürdigt. Kampfsport hat zweifellos gewalttätige Komponenten, aber selbst ein verbissener Kampf im Ring oder Cage ist etwas anderes als eine Schlägerei auf der Straße. Im Kampfsport treffen sich zwei Freiwillige nach monatelanger körperlicher und mentaler Vorbereitung zum zuweilen annehmbar bezahlten Wettkampf.

Gleichzeitig geht es oft brutaler zu als beim Boxen.

Ja, manchmal geht es recht ruppig zu. MMA ist ein Vollkontakt-Kampfsport. Kämpfe enden wie im Boxen oft mit einem K.o., und hin und wieder fließt Blut – wie beim Boxen auch. Ich habe geboxt, MMA-, K1-Kickboxen und im Muay Thai-gekämpft. Tut alles weh, aber ich habe dabei meine MMA-Kämpfe nicht als brutaler oder härter erlebt. Übrigens ist das moderne MMA detaillierter reglementiert als das Thaiboxen oder Boxen.

MMA ist in Deutschland auch wegen der Teilnahme von Neonazis in Verruf gekommen. Mittlerweile organisieren Neonazis sogar eigene Kampfsport-Turniere.

Dass sich Nazis für Kampfsport begeistern, ist keine neue Entwicklung. Das primäre Problem ist nicht, das sich Neonazis durch Kampfsport zu effektiven Schlägern entwickeln, sondern dass sie eigene Erlebnisräume schaffen. Kampfsport wird zum Teil einer rechten Alltagskultur. Dass Nazis jetzt verstärkt eigene Kampfsportveranstaltungen organisieren, ist eine Reaktion darauf, dass es für bekannte Nazis in den vergangenen Jahren schwieriger geworden ist, bei professionellen Veranstaltungen anzutreten. Es ist ein Zurückweichen in die eigene Nische, weil sie Gegenwind bekommen haben.

Ist der Sport ein Ort der politischen Auseinandersetzung?

Ich mag es nicht, wenn der Sport politisch instrumentalisiert wird. Ich beharre aber auf ein paar Selbstverständlichkeiten. Dazu gehört das entschiedene Zurückweisen von rassistischem, sexistischem, heterosexistischem und anderem Gedankengut, das die fundamentale Gleichwertigkeit aller Menschen verneint.

Sie haben aus ihrer antifaschistischen Überzeugung nie ein Geheimnis gemacht. Ist Ihnen das beim MMA schon mal auf die Füße gefallen?

Freunde habe ich mir damit nicht gemacht. Und mittlerweile kämpfen wieder Leute mit tätowierten Rudolf-Heß-Zitaten auf den größten Galas. Den meisten Leuten ist das einfach egal. Nichts dazu zu sagen ist aber auch eine Positionierung. Also sag ich etwas.

Wie wird mit Kämpfern mit Neonazi-Tattoos umgegangen?

Sehr unterschiedlich. Bei vernünftigen Veranstaltern dürfen Nazis nicht antreten. Andere wollen, dass sie verbotene Symbole nur abkleben.

Warum ziehen MMA-Veranstaltungen gerade im Osten ein so einschlägiges Publik an?

Grundsätzlich ist Kampfsport besonders attraktiv für Menschen, in deren Leben und Alltag körperliches Durchsetzungsvermögen eine wichtige Rolle spielt. Also beispielsweise Polizeibeamte, Türsteher und Personenschützer. Das gilt aber auch für Menschen in kriminellen Milieus. Rotlicht-Rocker, Hooligans oder Nazischläger müssen sich körperlich durchsetzen können – oder zumindest so wirken. Sonst funktioniert das ja alles nicht. Die Fähigkeit zur direkten Gewaltausübung ist daher auch ein essenzieller Bestandteil der Identität dieser Leute. Ein gemeinsames Merkmal der aufgezählten Gruppen ist die Männerbündigkeit.

Ist Kampfsport also eine „Macker-Sache“?

Kampfsport an sich nicht. Das Problem ist die Selbstinszenierung, die es zur „Macker-Sache“ macht und Anknüpfungspunkte für reaktionäre Weltbilder schafft. Kampfsport ist ein Spiel um körperliche Dominanz. Die Zurschaustellung dieser Fähigkeit ist gesellschaftlich stark männlich konnotiert.

Wie lässt sich das ändern?

Ich hoffe durch Perspektivwechsel. Zum Kampfsport gehört für mich die Erkenntnis, dass Kämpfe auf verschiedenen Ebenen stattfinden. Sich im Ring beim Thaiboxen oder im Cage beim MMA auszutesten, ist nur eine davon. Kampfsport heißt für mich, über den eigenen Schatten zu springen, sich neuen Herausforderungen zu stellen und einen anderen Zugang zum Kämpfen zu finden. Also die Frage zu diskutieren, ob Vollkontaktsport in einem grundsätzlichen Widerspruch zu einer emanzipatorischen Praxis steht – oder sogar Teil einer persönlichen und kollektiven Empowerment-Strategie sein kann.

Haltung zeigen!

19. August 2019

Dem neuen Minimalismus meines Kampfsport-Blogs folgend, mache ich heute nur etwas Werbung:
Ich empfehle die Lektüre der Ausgabe #178 vom antifaschistischen Magazin „der rechte rand“ zum Thema Kampfsport. Unter der Überschrift „Haltung zeigen!“ findet sich auch ein Statement von mir.

…things I (still) do (and love!)

12. August 2019

„Jesse-Björn Buckler – Muay Thai & MMA Coach bei Kardia Berlin bei einem Muay Thai Kampf in Hamburg“ Juni 2019.
Fotos von Mark Mühlhaus von „Attenzione Photographers“, Hamburg Juni 2019.

Restart! Kardia!

9. November 2018

…mich gibt es noch! Als öffentlichen Selbstversprechen prophezeie ich: Der Blog wird in den nächsten Wochen reanimiert.
Als Vorabinformation möchte ich hier für mein neues Kampfsport-Zuhause werben.


KARDIA MUAY THAI BERLIN!

„Kardia bezeichnet in der Anatomie das Herz. Als Metapher steht das Herz für das pulsierende Leben. Für Empathie, Liebe und Leidenschaft. In den besten Muay Thai Kämpfer*innen schlägt ein Jai Suu, ein großes Kämpferherz.

Wir trainieren Muay Thai (Thaiboxen) und Athletik/Functional Training im Herzen Berlins.

Unser Trainingsangebot richtet sich sowohl an komplette Anfänger*innen, als auch an Fortgeschrittene. Ambitionierten Sportler*innen können wir zudem die Möglichkeit einer kompletten, professionellen Wettkampfvorbereitung und Kampfbetreuung anbieten.

Wir legen viel Wert auf ein hochwertiges Training und einen respektvollen Umgang. Wir wollen dazu anregen, miteinander zu lernen, jeweils eigene Wege zu finden, sich im Training zu entwickeln und im Kampf zu testen. Vor allem wollen wir den Spaß am Sport teilen.“

Kämpfen macht mir Spaß! Immer noch!

5. Februar 2017

Sebastian Bähr in der Tageszeitung „Neues Deutschland“ über die Entwicklung des MMA-Sports geschreiben.

Ich komme darin auch ein paar mal zu Wort und beende nebenbei öffentlich meine Sportabstinenz.

„Nach einigen Jahren Pause arbeitet Jesse-Björn Buckler nun daran, wieder ein neues Team aufzustellen. Er hängt an dem Sport, auch wenn viele seiner potenziellen Gegner mittlerweile 20 Jahre jünger sind als er. »Kämpfen macht mir Spaß«, erklärt er…“

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Weniger Blut, mehr Geld
Der härteste Kampfsport der Welt: Mixed Martial Arts bewegt sich zwischen Neonaziszene und großem Geschäft.

Text: Von Sebastian Bähr, erschienen in der Tageszeitung „Neues Deutschland“ am 03.02.2017.

Ein achteckiger Drahtkäfig, darin zwei Männer: Der eine tanzt leichtfüßig umher, der andere kickt fortwährend mit seinen Füßen, doch die Tritte gehen ins Leere. Der Platz im sogenannten Oktagon ist grell ausgeleuchtet, als sich die Kontrahenten an diesem Dezemberabend in der Berliner Arena am Ostbahnhof gegenüberstehen. Rund 4000 Zuschauer warten gespannt auf eine Eskalation, die Veranstaltungsreihe »We Love MMA« bietet in den nächsten Stunden gleich zwölf Kämpfe an. Der Ringrichter hält sich dezent zurück. Als der Tscheche Jirka Nemecek gegen den Draht gedrängt wird und für einen kurzen Augenblick nicht aufpasst, nutzt Kevin Hangs seine Chance: Er wirft seinen Gegner hart zu Boden und schlägt mit der gepolsterten Faust mehrmals auf dessen Kopf ein. Am Boden ringen dann beide, doch Hangs gelingt es bereits nach wenigen Sekunden, das Bein seines Widersachers in einen Klammergriff zu zwingen. Der Unterlegene verzieht schmerzvoll sein Gesicht und muss nach knapp einer Minute Kampfzeit abklopfen. Der Sieger springt an das Gitter und klopft sich stolz auf die Brust.

Mixed Martial Arts (MMA – Gemischte Kampfkünste) kann für neue Zuschauer recht brutal wirken. Nicht ohne Grund gelten die Auseinandersetzungen als die härtesten in der Kampfsportszene. Es wird geschlagen und getreten, auch Bodenkämpfe sind erlaubt. Die Ursprünge lassen sich zu den sogenannten Vale-Tudo-Wettkämpfen in Brasilien zurückverfolgen. Kampfsportler aus verschiedenen Stilen traten hier seit den 1920er Jahren ohne Schutzausrüstung gegeneinander an, um den Besten unter sich zu bestimmen. 1993 fand in den USA die erste Vale-Tudo-Kampfveranstaltung statt. Wenig später erreichte der damals noch weitgehend unregulierte Vollkontaktsport unter der Bezeichnung »Free Fight« Europa. Einige der professionellen Sportler setzten sich für Faustschützer und das Verbot von bestimmten Angriffen ein. »MMA« war geboren.

Heute wird drei Runden für jeweils fünf Minuten um Punkte, bis zum Knockout oder bis zum Abklopfen gekämpft. Verboten sind Angriffe auf Augen, Kehlkopf, Genitalien und Hinterkopf. Die Kontrahenten können im Käfig auf ein breites Spektrum an Techniken zurückgreifen. Kickboxen, Judo, Muay Thai, Jiu-Jitsu und Ringen gehören zum Fundus der Kämpfer. Ernsthafte Verletzungen erleiden diese dabei regelmäßig, auch wenn das Risiko laut einer Studie der US-amerikanischen Glen Sather Sports Medicine Clinic von 2015 geringer ist als beim Boxen. Zerschundene Körperteile sind auch für den MMA-Kämpfer Jesse-Björn Buckler nichts Ungewöhnliches. Der 40-Jährige gehört zu den Pionieren des Sports in Deutschland. Gebrochene Rippen, mehrfach gebrochene Hände sowie einen Bruch des Augenhöhlenbodens haben sich auch in seiner rund 30 Kämpfe umfassenden Karriere angesammelt. »Wenn Leute sich mit voller Kraft treten oder sich Ellbogen ins Gesicht schlagen, dann geht halt auch mal etwas kaputt«, sagt Buckler mit einem Schulterzucken.

Eine Verletzung führte innerhalb der Szene jedoch kürzlich wieder zu einem Skandal: Bei der Kampfreihe im Dezember in Berlin trat Mustafa Ahmadi an. Der vor anderthalb Jahren nach Deutschland geflüchtete Afghane kassierte im Bodenkampf einen nicht erlaubten Kniestoß an den Kopf und musste im Krankenhaus wegen eines doppelten Kieferbruchs operiert werden. Nach dem Kampf stellte sich heraus, dass Ahmadi auf dem Anmeldebogen sein Geburtsdatum gefälscht hatte und zum Zeitpunkt des Kampfes erst 16 Jahre alt war. Auch wenn er aufgrund der Disqualifikation seines Gegners noch auf dem Weg zum Krankenhaus zum Sieger erklärt wurde, hätte er nicht antreten dürfen, da er noch nicht volljährig war. Der Veranstalter erklärte später, Ahmadi von weiteren Events auszuschließen und zusätzliche Ausweiskontrollen einzuführen.

Nicht nur wegen solcher Vorfälle haftet MMA ein schmuddeliges Image an. Übertriebene Gewalt, eine reaktionäre Inszenierung von Männlichkeit sowie Verbindungen in Neonazikreise sind wiederkehrende Bestandteile der Kritik. Die Bayerische Landeszentrale für neue Medien hielt MMA gar für so unangemessen, dass sie 2010 eine Übertragung von Profiwettkämpfen im deutschen Fernsehen verbot. »Die ersten Veranstaltungen in Berlin waren tatsächlich eher eine unangenehme Mischung«, erinnert sich Jesse-Björn Buckler. »Auch damals gab es schon Fans aus der eher traditionellen Kampfkunstszene – es kamen aber auch Leute aus gewaltaffinen Milieus, also Türsteher, Hooligans, Rotlichtszene und Rocker.« Für Buckler ist das keine wirkliche Überraschung: »Der Kampfsport zieht Leute an, die in ihrem Leben mit körperlicher Gewalt konfrontiert sind.«

Seit den Anfangstagen des Sports hat sich jedoch viel getan. Veranstaltungsreihen wie das bundesweit rotierende »We Love MMA« erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Die Fachkundigen werden mehr, die Blutdürstigen weniger. »Die Gewaltfans und Schläger sind alle noch da, aber das Publikum ist größer geworden«, sagt Buckler. »Die gehen jetzt in der Menge der Sportfans einfach unter.« Besonders die USA spielten für den Normalisierungsprozess eine wichtige Rolle. Ende 2000 übernahm der dortige Marktführer Ultimate Fighting Championship (UFC) ein umfassendes Regelwerk, das sich heute in großen Teilen der Szene durchgesetzt hat und alle paar Jahre aktualisiert wird. In Deutschland wird die Einhaltung vieler Kämpfe durch die Grappling and Mixed Martial Arts Association e.V. (GAMMA) überwacht. Die veränderte Wahrnehmung des Sports hängt für Buckler auch mit der stärkeren Reglementierung und der gewachsenen Bedeutung des Punktesystems zusammen: »Früher hatte man sich manchmal erst vor dem Turnier über die Regeln geeinigt«, erklärt er. »Mittlerweile bauen die Leute ihre Kämpfe aber viel taktischer auf.« 2014 konnte der amerikanische Marktführer dann auch das deutsche Fernsehübertragungsverbot kippen. Für die Verbände war dies ein wichtiges Anliegen, denn längst war aus MMA ein großes Geschäft geworden: Vergangenes Jahr verkaufte die UFC-Muttergesellschaft Zuffa die Mehrheit ihrer Anteile für vier Milliarden Dollar.

Die deutsche Szene liegt in der Bedeutung im Vergleich immer noch weit zurück, doch auch hier gibt es mittlerweile rund 200 bis 300 aktive Kämpfer. Ein gemeinsamer Dachverband fehlt aber noch. Dies führt zu verschiedenen Problemen: So würden einheitliche Regularien und Lizenzen den Weg in den Mainstream weiter vereinfachen. Andererseits wäre dann auch ein kollektives Vorgehen gegen im Sport aktive Neonazis möglich. Momentan ist dies vor allem von der Einstellung der Veranstalter und Vereine abhängig. Für manche wie Peter Angerer, ein Urgestein der deutschen Kampfsportszene, ist Sport einfach Sport. Mit seinem Shidokan-Verband vertrat er in einer Erklärung 2014 die Position: »Leute, die für Toleranz, Gleichheit, Freiheit und viele weitere schöne Begriffe einstehen, gestehen diese Rechte anderen nicht zu«. Damit forderte er letztlich eine Toleranz für Neonazis, solange diese sich nur sportlich betätigen. So ließ er auch umstrittene Klubs bei sich kämpfen.

»We Love MMA« gilt dagegen als authentisch in dem Bemühen, rechtsradikale Umtriebe nicht nur aus Marketingzwecken, sondern aus Prinzip zu unterbinden. Die Berliner Veranstaltungsreihe »Sprawl and Brawl« rief wiederum im April 2016 Proteste hervor. Die Kritik richtete sich damals gegen den »Athletik Klub Ultra« (AKU) aus Neumünster, der mit mehreren Kämpfern für die Veranstaltung angemeldet war. Auch wenn die vorgesehen Sportler offenbar keinen rechtsradikalen Hintergrund hatten, so galt doch der Betreiber und Vorsitzende des AKU, Tim Bartling, als ehemaliger führender Kopf der Schleswig-Holsteiner Neonaziszene. Laut antifaschistischen Gruppen sollen in seinem Verein auch weiterhin Rechtsradikale geduldet werden. Der Veranstalter lenkte letztlich ein und strich die Kämpfer aus dem Programm. »Sportveranstalter sind zuerst Geschäftsleute«, sagt Jesse-Björn Buckler. »Entsprechend haben die meisten kein Interesse daran, bekannte Neonazis zu buchen und damit schlechte Presse zu riskieren.«

In Leipzig waren es jedoch im August des vergangenen Jahres die Veranstalter der »Imperium Fighting Championship« selbst, die in der Kritik standen. Nach Informationen der Kampagne »Rechte Netzwerke zerschlagen!« handelte es sich bei dem Trainer des gastgebenden »Imperium Fight Teams« um Benjamin Brinsa. Dieser sei ein bekanntes Mitglied der rechtsradikalen Fanszene des 1. FC Lokomotive Leipzig und ein ehemaliges Führungsmitglied der mittlerweile aufgelösten Hooligangruppe »Scenario Lok«, hieß es. Eine Demonstration mit 1000 Teilnehmern protestierte am Austragungsort im linksalternativen Stadtteil Connewitz, mehrere Sponsoren der Veranstaltung konnten vergrault werden. Brinsa galt früher als großes MMA-Talent und schaffte es sogar, bei dem US-Marktführer UFC unter Vertrag zu kommen. Nachdem die amerikanische Organisation 2013 aber auf dessen politische Aktivitäten hingewiesen wurde, war die Karriere schnell wieder vorbei. »Ein deutscher Neonazi in der UFC wäre eine Katastrophe für den Sport gewesen und hätte ein klares Signal in die Naziszene gesendet«, sagt Buckler. Der Berliner MMA-Kämpfer hatte selbst immer wieder rechte Tendenzen in der Kampfsportszene kritisiert.

Nachdem es für Neonazis schwieriger geworden ist, bei professionellen Kampfveranstaltungen öffentlich aufzutreten, setzen sie mittlerweile verstärkt auf szeneinterne Turniere. Das inzwischen verbotene »Spreelichter«-Netzwerk aus Brandenburg organisierte beispielsweise mehrere »Kampfsportturniere des Nationalen Widerstands«. Auch die Vereinigung »Hammerskins« veranstaltete unter dem Namen »Kampf der Nibelungen« seit 2014 an verschiedenen Orten in Deutschland MMA-Turniere. 2016 fand der letzte Wettkampf vermutlich in Dortmund statt, einschlägige rechtsradikale Modemarken traten als Sponsoren auf. In sozialen Netzwerken wird auch für dieses Jahr ein Turnier angekündigt. Die Wettkämpfe werden normalerweise konspirativ geplant und erreichen somit auch kaum jemanden außerhalb der Nazinetzwerke.

Ein Grund, warum MMA bei Neonazis auf Interesse stößt, ist dabei nicht nur sein harter Ruf, sondern vor allem eine Interpretation des Sports, die die Stärke und Selbstoptimierung der meist männlichen Kämpfenden in den Fokus rückt. Die »Imperium Fighting Championship« in Leipzig warb beispielsweise mit martialischen Postern, die vier muskulöse Männer in römischer Gladiatorenbekleidung zeigten. Während die trainierten Kerle dann in Shorts später aufeinander einschlagen, zeigen leicht bekleidete Frauen, ähnlich wie beim Boxen, zwischen den Kämpfen die Nummer der jeweiligen Runde an. »Das ist eine Inszenierung von Körperkapital, männliches, repräsentiert durch Dominanz und weibliches, repräsentiert durch Schönheit«, kritisiert Buckler. Für ihn sei das »zutiefst sexistisch«. Doch auch mit im Blick auf die Geschlechterbilder wird der Sport langsam erwachsen. So findet bei »We Love MMA« regelmäßig auch ein Kampf zwischen Frauen statt. Noch gibt es in Deutschland nur wenige Kämpferinnen, doch Sportlerinnen wie die 29-jährige Daniela Kortmann machen Hoffnung. 2014 gewann sie in Las Vegas die MMA-Amateur-Weltmeisterschaft, im Profibereich holte sie im vergangenen Herbst ihren zweiten Sieg.

Nach einigen Jahren Pause arbeitet Jesse-Björn Buckler nun daran, wieder ein neues Team aufzustellen. Er hängt an dem Sport, auch wenn viele seiner potenziellen Gegner mittlerweile 20 Jahre jünger sind als er. »Kämpfen macht mir Spaß«, erklärt er, doch vermutlich ist es mehr als das. Er denkt kurz nach und sinniert: »Im Kampfsport triffst du auf zwei Arten von Menschen. Die einen haben Spaß daran, andere zu dominieren. Die anderen wollen verhindern, dass jemand sie fremdbestimmen kann.«

Tageszeitung „Neues Deutschland“, 03.02.2017

About Fighting

25. November 2014

aboutfighting
via: www.mmaquotes.blogspot.ca

Gewonnen.(Punkt)

30. Juni 2014

#welovemma

Gewonnen. Auch in zweiter Instanz ist mir der Sieg zugesprochen worden. In der vergangenen Woche haben drei weitere Punktrichter das Urteil anhand des Videomaterials überprüft und mich anschließend als Sieger bestätigt. Ich kann mich trotzdem nicht vorbehaltlos darüber freuen. Zu knapp war dieser Sieg.

Hier die (zu meiner Überraschung) kontrovers diskutierte dritte Runde des Kampfes:

Gewonnen(?)durch Punktrichterentscheidung

11. Juni 2014

„We love MMA 8″ – ist ausgekämpft und ich habe durch die Entscheidung der Punktrichter gewonnen. Trotzdem kann ich mich nicht wirklich über diesen Sieg freuen. Ich bin sehr unglücklich über den Kampfverlauf. Irgendwie habe ich nicht in mein Spiel gefunden und bin genau da gelandet wo ich nicht hinwollte – im Bodenkampf und ans Ende der Kampfzeit.

Weil MMA Kämpfer oft sehr schwer zu Punkten sind, sind Punktrichterentscheidung entsprechend oft umstritten. So ist es auch in diesem Fall. Das Team von meinem Gegner Tobias Thiago Huber hat eine Beschwerde gegen das Urteil eingelegt. In einem Revisionsverfahren, wird das Ergebnis nun zeitnah, durch drei andere Punktrichter überprüft. Es bleibt also spannend!
Wie auch immer das Expertengremium den Kampf werten mag, Tobias Thiago Huber und ich haben uns einen guten, fairen und sehr ausgeglichen Kampf geliefert.

Ich möchte mich bei allen bedanken die mich in der Kampfvorbereitung oder am Kampftag selbst unterstützt haben. Danke an alle, die mit mir gerollt, gerungen und geboxt haben. Insbesondere bei Team „IMAG/Hilti BJJ“ und Coach Frank Burczynski, bei Eike vom Muay Thai-Team „Altes Waschhaus“, bei Jens Puzicha vom „Fenriz Traningszentrum“ – und bei Hedwig vom „Team RZB“! Bei „vehement-mma.com“ bedanke ich mich für die Ausstattung und bei We love MMA für die tolle Veranstaltung!

www.groundandpound.de/mma/mma-deutschland/news/we-love-mma-8-buckler-und-kruschinske-triumphieren

Next Fight

29. Mai 2014

Berlins kleine Kampfsportwelt kennt seit Monaten nur noch ein Thema: das Ultimate Fighting Championship (UFC) kommt in die Stadt! Doch im Schatten des Kampfsport-Megaevents in der O2-World liegt ein für mich viel wichtigeres Sportereignis. Am 7. Juni 2014, nur eine Woche nach der UFC, steigt der nächste Kampfabend von „We Love MMA“. Zum ersten Mal findet die Veranstaltung nicht in der Moabiter Universal Hall, sondern im größeren Tempodrom statt. Im Hauptkampf des Abends treffen der Brazillian JiuJitsu-Spezialist Tobias Thiago Huber und ich aufeinander. Wer dabei sein möchte kauft sich schnell ein Ticket via: We love MMA !
Und weil „an zwei Wochenenden (…) Berlin zur Hauptstadt der Mixed Martial Arts“ wird lohnt sich ein Blick in die TAZ.






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