Vollkörperkontaktschachspiel

10. April 2010

In der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung „Der Freitag“ (7.April.2010) findet sich ein Interview mit mir zur irrigen Verquickung von Mixed Martial Arts, Gewaltverherrlichung und Rechtsextremismus. Click!

Der Freitag: Immer wieder wird gefordert, Ihren Sport zu verbieten. Er verstoße gegen die Menschenwürde.

Jesse-Björn Buckler: Das ist ärgerlich. Da reden Leute von einer ­Sache, von der sie keine Ahnung haben. Viele wissen gar nicht, was wir da tun.

Was tun Sie denn da?

Der Sport, um den es geht, ist ein hochkomplexer, hybrider Voll­kontaktkampfsport, der sich aus verschiedenen Sportarten zusammensetzt: Boxen, Ringen, Schlag- und Wurftechniken, die mit dem Taekwondo und dem Judo verwandt sind. Alles olympische Sportarten. Warum nun die Kombination solcher Sportarten ­jugendgefährdend und schädlich sein soll, ist mir schleierhaft.

Ein Vorwurf ist Unsportlichkeit.

Das ist schlicht falsch! Immer wieder wird behauptet, dass im MMA die für Sport charakteristischen Wertvorstellungen der Fairness, der Achtung des Gegenübers, der Chancengleichheit und der Unverletzlichkeit der Person missachtet werden. Aber mit der gleichen, ­Argumentation müsste auch jeder Boxkampf geächtet werden.

Es heißt, Sie schlagen sich halbtot, ohne Regeln.

Unser Sport ist nicht regellos! Aber fragen Sie mich bitte nicht weiter nach diesen Verbotsforderungen, ich verfolge diese Debatte nur am Rande. Sie interessiert mich nicht.

Dennoch: Wie groß ist die Verletzungsgefahr wirklich?

Wir gehen vorbereitet in den Ring oder Käfig. Es ist ja nicht so, dass da untrainierte Leute gegenein­ander antreten. Aber natürlich gibt es in Vollkontaktsportarten ein großes Verletzungsrisiko.

Was finden Sie dann so ­faszinierend am Freefight?

Ich kämpfe gerne. Außerdem ­glaube ich, dass ich darin auch ganz gut bin.

Das ist noch keine Erklärung.

Mich begeistert die versteckte, technische Raffinesse des Sports. Jede Woche lerne ich eine neue Technik, einen anderen Weg, wie ich eine schon bekannte Technik anwenden oder kontern kann. Jeder Kampf und jeder Gegner erfordert sorgfältige strategische Planung und Vorbereitung. Auch wenn es anders aussieht: Das Ganze ähnelt eher einem Schachspiel als einer wilden Schlägerei.

Hassen Sie Ihren Gegner?

Nein, der hat mir ja nichts Böses getan. Es ist für mich ein Gegner, auf den ich mich gut vorbereitet habe und gegen den ich gewinnen will. Da gibt es keine große Emotion. Ich gehe sehr abgeklärt in Kämpfe.

Kann man diesen Sport wirklich ohne Hass betreiben?

Es gibt Leute, die können nur kämpfen, wenn sie ihren Gegner hassen. Das ist bei mir definitiv nicht der Fall. Es ist doch alles eh schon so kompliziert. Manchmal steht man Leuten gegenüber, die man kennt und auch mag. Mein Ziel ist nicht, dem Gegner weh zu tun, sondern zu gewinnen.

Aber das Publikum fordert doch Hass und Blutvergießen!

Das glaube ich nicht. Natürlich gibt es immer Zuschauer, die aus Sensationslust Kämpfe gucken, aber die sind nicht die Mehrheit. Ich glaube, man kann das Publikum bei MMA mit dem Publikum beim Profiboxen vergleichen.

MMA haben den Ruf, dass sie überwiegend Neonazis anziehen.

Das Wort „überwiegend“ stimmt nicht. Generell kann man sagen, dass Vollkontaktsportarten besonders attraktiv für Menschen sind, in deren Alltag Gewalt und körperliches Durchsetzungsvermögen eine wichtige Rolle spielt.

Sie meinen die sogenannte Türsteherszene?

Manchmal eben auch Leute aus kriminellen Milieus oder Polizeibeamte, Soldaten und so. Die Zusammensetzung des Publikums beim MMA, beim Thai-Boxen oder beim Boxen unterscheidet sich in diesem Punkt nicht sonderlich. Ein großer Teil des Publikums ist aber vom Sport begeistert, ohne soziale Auffälligkeiten.

Sie meinen, es gibt keine Nähe zum Rechtsextremismus?

Wie gesagt, Kampfsportevents sind besonders attraktiv für – insbesondere – Männer aus Milieus mit hoher Gewaltakzeptanz. In bestimmten Gegenden, speziell im Osten, hat sich nun noch ein besonderes soziales Milieu herausgebildet, in dem eine rechte Hegemonie existiert und eine weitgehende Akzeptanz solcher Positionen vorhanden ist. Das ist aber kein sportspezifisches Problem, schon gar kein MMA-spezifisches, sondern ein gesamtgesellschaftliches.

Wie ist das, wenn man als Linker in den Ring geht, und das Publikum ist überwiegend rechtsextrem?

Ich kenne keine Veranstaltung mit überwiegend rechtsextremem Publikum. Es gibt allerdings Veranstaltungen mit einem hohen Anteil an erkennbaren Rechtsextremisten im Publikum – zu diesen Veranstaltungen fahre ich nicht. Das gilt übrigens auch für Ver­anstaltungen, die von der Rocker­szene oder dem Rotlichtmilieu dominiert werden.

Gibt es die oft?

Nein, aber die gab es. Heute sind sie eher die Ausnahme, und es werden auch immer weniger. Je professioneller unser Sport wird, desto weniger hat er mit solchen Milieus zu tun.

Sie sind Antifaschist, zählen sich zur antiautoritären Linken. Und auch wenn sich das MMA-Milieu langsam davon wegbewegt, so ist die Trennung doch nicht voll­zogen. Ich versuche es also noch mal: Was wollen Sie bei denen?

Ich würde meinen Zugang zur Gesellschaft als fundamentalkritisch beschreiben. Daraus mache ich ja auch kein Geheimnis. Aber ich versuche nicht, den Sport für politische Inhalte zu instrumentalisieren. Andererseits ist es aber auch eine Selbstverständlichkeit, dass man auf bestimmten zivilisatorischen Basics besteht: Kein Rassismus, kein Antisemitismus!

Aber die Frage ist, warum Sie freiwillig dahin gehen.

Vergleichen Sie es doch mit dem Boxen: Es gibt Leute, die leben ihre Faszination aus, in dem sie selbst kämpfen. Dann gibt es welche, die trainieren nur. Wieder andere gehen zu Boxveranstaltungen, das genügt ihnen. Und eine letzte, vermutlich die größte Gruppe, lebt ihre Faszination für den Boxsport vor dem Fernseher aus. So ist es beim MMA auch, bloß dass wir eine jüngere und kleinere Sportart sind. Ich finde es faszinierend zu kämpfen – und mache das auch.

Sie sind nicht von der Gewalt ­fasziniert?

Ich finde es sehr wichtig, die Trennungslinie zwischen Gewalt und Sport deutlich zu machen. Auch wenn es auf den ersten Blick ähnlich aussieht, aber ein verbissener und manchmal auch blutiger Kampf im Ring ist etwas anderes als eine Schlägerei auf der Straße. Gewalt ist etwas, das einem aufgezwungen wird, dem man sich nicht entziehen kann. Beim Kampfsport treffen sich hingegen zwei motivierte Freiwillige. Wer das verstanden hat, den fasziniert der Sport und nicht die Verwechslung mit der Gewalt. Im Boxen haben Sie zum Beispiel oft Zuschauer, die den Sport sehr ernst nehmen und mit ihrem Notizblock in die Halle kommen, um mitzupunkten. Die sind ja nicht von der Gewalt fasziniert, sondern vom Sport.

Boxen ist symbolisch extrem aufgeladen, ein Synonym für den nackten Überlebenskampf, ein Sinnbild für die einzige Möglichkeit des sozialen Aufstieg eines Habenichts. Kann man Ähnliches über MMA sagen?

MMA orientiert sich in der ästhetischen Inszenierung klar am Boxen und beinhaltet damit auch allen Unfug, der damit einhergeht. ­Allerdings hat das moderne MMA eine kürzere Geschichte als das Boxen. Der Sport scheint sich noch selbst zu finden. Während dem ­Boxen die ewige „Working Class Heroes“-Legende eingeschrieben ist, ist es beim MMA nicht so einfach. In der Kampfsportwelt ist das Aufkommen der MMA eine echte Revolution gewesen. MMA läutete das Ende der Vertreter der reinen Lehre ein. Nun wird das Brauchbarste aus allen Kampfkünsten ohne Respekt vor irgendeiner Traditions- oder Verbandslinie adaptiert. Gute Kämpfer müssen heute hochflexibel und vielseitig sein. Trainiert wird interdisziplinär, die Techniken sind schnörkellos, auf das Wesentliche konzentriert und den jeweiligen Stärken und Schwächen des einzelnen Sportlers oder der einzelnen Sportlerin angepasst.

Gehört nicht zur symbolischen Aufladung des MMA, zumindest in Deutschland, die politische, die rechtsextreme Konnotierung?

Nein. Aber diese falsche Konnotierung wird von einigen Medien und MMA-Gegnern immer wieder gebetsmühlenartig behauptet.

Würden Sie gegen einen Neonazi antreten?

Nein. MMA ist Sport. Zwischen mir und einem Nazi kann es keine sportliche Ebene der Auseinandersetzung geben.

Steigen Sie auch mit keinem Vergewaltiger in den Ring, keinem Mörder?

Was soll ich darauf antworten? Haben Sie jemals in Ihrem Sportjournalistenleben einem Fußballer so eine Frage gestellt?

Sie haben recht. Andere Frage: Was sagen eigentlich Ihre Freunde zu Ihrem Nebenberuf?

Ich wohne mit Sportkollegen zusammen, da reden wir meist über sportliche Dinge. Ansonsten: Wenn ich wie derzeit in der Vor­bereitung auf einen Kampf bin, tauche ich eh ab. Ich bin zweimal täglich im Training, ich muss viel ausruhen dazwischen. Da bleiben soziale Kontakte leider auf der Strecke. Abends in die Kneipe gehe ich dann nie. Ich gehe auch selten auf Partys.

Sie arbeiten für die linke ­Wochenzeitung Jungle World. Wenn Sie mit gebrochener Nase oder blauem Auge in den Verlag kommen, was sagen Ihre ­Kollegen?

Naja, ich breche mir eigentlich nicht so oft die Nase, aber hin und wieder hab ich tatsächlich mal ein blaues Auge. Die häufigste Reaktion ist dann Unverständnis: Warum machst du denn so was? Gibt’s keine anderen Sportarten? Aber andere Sportarten würden mir nicht soviel Spaß machen.

Sie sind über 30. Wie lange wollen Sie das noch machen?

Darüber mache ich mir keine Gedanken. Ich bin noch fit und werde stetig besser. In Deutschland bin ich in meiner Gewichtsklasse derzeit die Nummer drei, vielleicht sogar Nummer zwei, und es macht noch Spaß.

Kann man als MMA-Profi reich werden?

Nein, man kann nicht mal davon leben. Zumindest nicht in Deutschland. Der Sport steckt hier noch in den Kinderschuhen, es gibt keine Großsponsoren oder ähnliches. Ich habe noch nie mehr als 1.000 Euro für einen Kampf bekommen. Selbst bei den großen UFC-Veranstaltungen gibt es für die Leute, die Vorkämpfe machen und nicht ins Fernsehen kommen, nur armselige 3.000 Dollar zuzüglich Spesen. Davon gehen aber die Steuern ab, der Medical Check muss davon bezahlt werden, dann natürlich noch die Trainer, Studio und so weiter. Und so oft kämpfen, dass man auf einen vertretbaren Monatsschnitt kommt, kann man nicht – körperlich nicht und auch vom Kopf her nicht.

Interview: Martin Krauß
Fotos: Torben Hönke
Ausstattung: *ecko unltd. und Intenzion MMA